Was ist eine Machbarkeitsstudie für geerbte Immobilien und wann ist sie sinnvoll?
- Stephan Gahm

- vor 1 Tag
- 6 Min. Lesezeit

Eine Machbarkeitsstudie für geerbte Immobilien prüft, welche Nutzung, Entwicklung oder Verwertung einer Immobilie realistisch möglich ist. Sie verbindet Baurecht, Bestand, Markt, Kosten, Risiken und die persönlichen Ziele der Erben zu einer belastbaren Entscheidungsgrundlage. Dabei ist nicht das Ziel sofort eine fertige Planung zu haben, sondern das Ziel ist zunächst Klarheit und Überblick zu verschaffen.
Wer eine Immobilie erbt, übernimmt erfahrungsgemäß nicht nur ein Gebäude oder ein Grundstück, sondern viele offene Fragen.
· Welche Unterlagen liegen vor?
· Was ist baurechtlich möglich?
· Wie ist der Zustand des Gebäudes?
· Welche Mietverträge bestehen?
· Welche Investitionen werden notwendig?
· Soll die Immobilie gehalten, entwickelt oder verkauft werden?
· Was passt überhaupt zur persönlichen Situation der Erben oder der Erbengemeinschaft?
Gerade bei älteren Immobilien, Grundstücken, Gewerbeobjekten oder größeren Arealen ist die Ausgangslage oft unübersichtlich und komplex. Viele Erben sind unsicher und wissen dann nicht, wo sie anfangen sollen. Genau hier setzt die Machbarkeitsstudie an.
Eine Machbarkeitsstudie ist keine fertige Bauplanung
Eine Machbarkeitsstudie ist keine Objektplanung, kein Bauantrag oder eine detaillierte Projektentwicklung. Es geht dabei nicht darum, sofort Grundrisse zu zeichnen, ein Bauprojekt zu starten oder größere Investitionen auszulösen. Es geht am Anfang um die Frage: Was ist mit dieser Immobilie unter realistischen Voraussetzungen überhaupt sinnvoll möglich?
Eine Machbarkeitsstudie soll die vorhandenen Informationen ordnen, offene Fragen sichtbar machen und verschiedene Wege miteinander vergleichen. Damit wird die Grundlage für Entscheidungen geschaffen:
halten
weitervermieten
modernisieren
revitalisieren
umnutzen
entwickeln
Verkauf vorbereiten
Verkauf im heutigen Zustand
Dabei geht es nicht darum, in der Machbarkeitsstudie eine Wunschlösung zu bestätigen. Es wird grundsätzlich geprüft, welche Nutzungsvarianten tatsächlich tragfähig sind.
Warum geerbte Immobilien oft besonders geprüft werden sollten
Bei einer geerbten Immobilie erhalten die Erben Grundstücke und Gebäude, kennen aber häufig nicht die wesentlichen Hintergründe und Zusammenhänge dazu. Die typischen Fragestellungen sind:
Welche Genehmigungen liegen vor?
Stimmen Bestand und Bauakten überein?
Welche Nutzungen sind tatsächlich erlaubt?
Gibt es Baulasten, Dienstbarkeiten oder Wegerechte?
Sind Mietverträge vorhanden und wie lange laufen sie?
Gibt es Sanierungsbedarf?
Bestehen Hinweise auf Altlasten oder Gebäudeschadstoffe?
Was ist nach aktuellem Baurecht möglich?
Gibt es Entwicklungspotenzial?
Sind erste Kaufangebote und Einschätzungen angemessen?
Nachdem es sich in achtzig Prozent der Fälle um Erbengemeinschaften handelt, kommen persönliche und familiäre Fragen dazu. Neben dem, dass ggf. verschiedene Vorstellungen zur Verantwortung gegenüber der Familientradition bestehen, gibt es unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten der Erben. Der eine Erbe möchte vielleicht verkaufen, ein anderer möchte das Objekt langfristig halten und der Dritte sieht Entwicklungsmöglichkeiten, möchte aber kein zusätzliches Kapital einsetzen. Gerade in Erbengemeinschaften ist deshalb nicht nur die Immobilie komplex. Auch die Entscheidungen selbst stellen sich oftmals sehr komplex dar.
Die eigentliche Frage lautet nicht sofort: Verkaufen oder entwickeln?
Viele Erben stellen am Anfang direkt diese Frage: Sollen wir verkaufen oder entwickeln? Aus unserer Sicht kommt diese Frage oft zu früh. Bevor darüber sinnvoll entschieden werden kann, müssen zuerst die Grundlagen geklärt werden. Denn ein Verkauf kann sinnvoll sein, obwohl Entwicklungspotenzial vorhanden ist. Und eine Entwicklung kann theoretisch attraktiv sein, aber nicht zur finanziellen, zeitlichen oder persönlichen Situation der Erben passen. Die bessere erste Frage lautet deshalb: Welche realistischen Wege gibt es überhaupt und welcher davon passt zu den Eigentümern? Genau dafür ist die Machbarkeitsstudie da.
Was prüft eine Machbarkeitsstudie?
Eine Machbarkeitsstudie betrachtet mehrere Ebenen gleichzeitig und führt diese zusammen. Aus der Summe der einzelnen Antworten ergibt sich ein Gesamtbild und eine grundlegende Einschätzung.
1. Baurechtliche Möglichkeiten
Zuerst wird geprüft, was auf dem Grundstück grundsätzlich zulässig sein kann. Dazu gehören zum Beispiel:
Bebauungsplan
§ 34 BauGB
Art der baulichen Nutzung
Maß der baulichen Nutzung
Baugrenzen und Baulinien
Baulasten
Bestandsschutz
Nutzungsänderungen
mögliche Ausnahmen oder Befreiungen
erforderliches Planverfahren
Die baurechtliche Prüfung zeigt den Rahmen. Sie beantwortet aber noch nicht allein, ob eine Entwicklung auch wirtschaftlich sinnvoll oder persönlich passend ist.
2. Technische und organisatorische Umsetzbarkeit
Bei Bestandsimmobilien muss geprüft werden, ob vorhandene Gebäude sinnvoll weiterverwendet werden können. Dabei geht es unter anderem um:
Zustand der Gebäude
Tragwerk
Dach und Fassade
Brandschutz
Gebäudetechnik
Erschließung
Stromanschluss
Glasfaser
Stellplätze
mögliche Schadstoffe und Altlasten
Rückbau
notwendige Investitionen
Gerade ältere Gebäude können auf den ersten Blick schlechter wirken, als sie tatsächlich sind. Umgekehrt kann ein Gebäude äußerlich ordentlich aussehen, aber für eine neue Nutzung nur mit hohem Aufwand geeignet sein. Deshalb reicht der erste Eindruck erfahrungsgemäß nicht aus.
3. Markt und Wirtschaftlichkeit
Eine Nutzung muss nicht nur erlaubt und technisch machbar sein, sie muss auch zum Standort und zur Nachfrage passen. Deshalb betrachtet die Machbarkeitsstudie unter anderem:
mögliche Nutzergruppen
erzielbare Mieten
mögliche Verkaufserlöse
Investitionskosten
laufende Kosten
Vermarktungsdauer
Finanzierung
Zeitbedarf
Risiken
Wirtschaftlichkeit und Sensitivitäten
Eine große theoretische Entwicklung ist nicht automatisch die beste Lösung, denn manchmal ist eine kleinere, robuste Variante wirtschaftlich sinnvoller, weil sie schneller, risikoärmer und besser finanzierbar ist.
4. Persönliche Ziele der Erben
Dieser Punkt ist eigenständig zu betrachten und bringt oftmals die entscheidende Priorität mit sich. Eine Immobilie kann baurechtlich entwicklungsfähig, technisch machbar und wirtschaftlich interessant sein und trotzdem kann die Entwicklung für die Erben unpassend sein. Zum Beispiel, wenn:
kurzfristig Liquidität benötigt wird
kein weiteres Kapital eingesetzt werden soll
innerhalb der Erbengemeinschaft keine Einigkeit besteht
niemand das Projekt über mehrere Jahre begleiten möchte
Risiken nicht übernommen werden sollen
die Immobilie nicht langfristig gehalten werden soll
Umgekehrt kann eine Entwicklung sinnvoll sein, wenn das Objekt im Familienvermögen bleiben soll, laufende Einnahmen gewünscht sind und ausreichend Kapital, Zeit und Risikobereitschaft vorhanden sind. Die Machbarkeitsstudie fragt deshalb nicht nur: Was ist mit der Immobilie möglich? Sondern auch: Welche Möglichkeit passt zu den Eigentümern?
Wann ist eine Machbarkeitsstudie sinnvoll?
Eine Machbarkeitsstudie ist besonders sinnvoll, wenn eine geerbte Immobilie nicht eindeutig einzuordnen ist. Das ist zum Beispiel der Fall bei:
älteren Gebäuden
größeren Grundstücken
Gewerbeimmobilien
Industrie- und Gewerbearealen
Leerstand
Sanierungsbedarf
unklarer Genehmigungslage
möglichen Baulasten oder Dienstbarkeiten
Altlastenverdacht
bestehenden Mietverträgen
unterschiedlichen Interessen in der Erbengemeinschaft
Kaufangeboten unter den Erwartungen
vermutetem Entwicklungspotenzial
Besonders wichtig ist sie vor Entscheidungen, die langfristige Folgen haben. Also bevor verkauft, langfristig vermietet, saniert, umgebaut oder viel Geld in Planung investiert wird. Denn genau hier werden oft Weichen gestellt, die sich später nur schwer korrigieren lassen.
Warum reicht ein Wertgutachten oder Maklerpreis oft nicht aus?
Ein Wertgutachten kann bei Erbfällen sehr wichtig sein und eine Einschätzung von Maklern kann ebenfalls sehr hilfreich sein. Aber bei geerbten Immobilien reicht eine einzelne Sichtweise häufig nicht aus. Ein Kaufangebot kann unter einem Gutachten liegen und trotzdem aus der Sicht des Käufers nachvollziehbar dargelegt werden, weil der Käufern Unsicherheiten einpreist. Das ist zum Beispiel:
ungeklärtes Baurecht
fehlende Unterlagen
Altlastenverdacht
Sanierungsbedarf
unsichere Mietverträge
nicht geklärte Genehmigungen
Baulasten
lange Umsetzungszeiten
unklare Entwicklungsmöglichkeiten
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Ist das Angebot zu niedrig? Sondern: Warum fällt das Angebot so aus und welche Unsicherheiten lassen sich klären?
Eine Machbarkeitsstudie hilft, diese Punkte einzuordnen. Sie kann zum einen zeigen, dass ein Risiko geringer ist als angenommen, sie kann aber auch zeigen, dass ein Abschlag nachvollziehbar ist. Beides ist wertvoll und wichtig, weil für Entscheidungen damit die Grundlage geschaffen wird und Entscheidungen nicht mehr nur auf Vermutungen getroffen werden.
Welche Ergebnisse kann eine Machbarkeitsstudie haben?
Ein wichtiger Punkt ist: Das Ergebnis einer Machbarkeitsstudie muss nicht immer eine Entwicklung sein. Eine gute Machbarkeitsstudie kann zu unterschiedlichen Empfehlungen führen. Zum Beispiel:
Die Immobilie wird im Bestand weitergeführt.
Einzelne Gebäudeteile werden modernisiert.
Eine Revitalisierung wird vorbereitet.
Eine Umnutzung wird geprüft.
Das Grundstück wird schrittweise entwickelt.
Wertrelevante Fragen werden vor einem Verkauf geklärt.
Ein Verkauf wird vorbereitet.
Ein zeitnaher Verkauf im heutigen Zustand ist die sinnvollste Lösung.
Keine dieser Entscheidungen ist grundsätzlich richtig oder falsch. Entscheidend ist, dass sie auf einer ausreichenden Entscheidungsgrundalge getroffen wird.
Die wirtschaftlich größte Variante ist nicht automatisch die beste
Natürlich fragen Eigentümer zunächst, wie der höchste Wert erreicht werden kann. Aber der höchste theoretische Wert ist nicht immer die beste Entscheidung. D.h. eine große Entwicklung kann auf dem Papier attraktiv aussehen, sie bedeutet aber vielleicht, dass
viel Kapital gebunden wird
sie lange dauert
sie Genehmigungsrisiken enthält
die Finanzierung erschwert ist
sie hohe persönliche Verantwortung verlangt
eine Erbengemeinschaft über Jahre belasten wird
Für private Eigentümer kann deshalb eine kleinere, klarere und risikoärmere Lösung sinnvoller sein. Manchmal ist auch ein Verkauf nach vorbereitender Klärung besser als eine eigene Entwicklung. Dann wird das Potenzial nicht selbst umgesetzt, aber die Immobilie wird besser einordenbar und nachvollziehbarer vermarktet.
Die Checkliste als erster Schritt
Es ist nachvollziehbar, dass viele Erben nicht sofort eine umfangreiche Untersuchung beauftragen möchten. Deshalb beginnt der Prozess häufig mit einer strukturierten Grundstücks- und Immobilien-Checkliste. Sie hilft dabei, zunächst die vorhandenen Unterlagen, offenen Fragen und möglichen Risiken zu erfassen. Dazu gehören zum Beispiel:
Grundbuchauszug
vollständige Bestellungsurkunden
Baulastenauskunft
Bebauungsplan
Bauakten
Genehmigungen
Mietverträge
Bestandspläne
Erschließungsunterlagen
Stromanschlussdaten
Hinweise auf Altlasten oder Schadstoffe
Ziele der Eigentümer
Die Checkliste ersetzt keine Machbarkeitsstudie, sie zeigt aber, welche Informationen bereits vorliegen, welche Fragen offen sind und ob eine vertiefte Prüfung sinnvoll ist. So entsteht aus einem unübersichtlichen Fall ein erster Überblick.
Was ist der Nutzen für Erben und Erbengemeinschaften?
Eine Machbarkeitsstudie kann Erben helfen,
Kaufangebote besser einzuordnen
Risiken sichtbar zu machen
Entwicklungsmöglichkeiten realistisch zu prüfen
Streitpunkte innerhalb der Familie zu versachlichen
Finanzierungsfragen vorzubereiten
Verkaufsgespräche belastbarer zu führen
Investitionen besser einzuschätzen
eine gemeinsame Entscheidungsgrundlage zu schaffen
Gerade in einer Erbengemeinschaft ist dieser letzte Punkt wichtig. Denn wenn alle Beteiligten nur mit Meinungen, Annahmen oder Einzelinformationen arbeiten, wird eine Einigung schwierig. Eine Machbarkeitsstudie nimmt die Entscheidung zwar nicht ab, aber sie sorgt dafür, dass die Entscheidung auf einer nachvollziehbaren Grundlage getroffen werden kann.
Fazit
Eine Machbarkeitsstudie für geerbte Immobilien ist sinnvoll, wenn Erben eine belastbare Grundlage für ihre Entscheidung benötigen. Sie prüft nicht nur das Grundstück oder die Gebäude, sie bringt Baurecht, Bestand, Markt, Kosten, Risiken und die persönlichen Ziele der Eigentümer zusammen. Damit hilft sie zu klären, ob Halten, Entwickeln, Revitalisieren, Verkaufsvorbereitung oder Verkauf der passende Weg ist. Der erste Schritt muss dabei keine fertige Planung sein, sondern der erste Schritt schafft Überblick.



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